Timothy Speed (2025)
Dieses Paper untersucht arbeitszentrierte Sozialsysteme wie das deutsche Bürgergeld und die geplante Grundsicherung als Formen institutionell organisierter struktureller Gewalt. Im Zentrum steht die These, dass diese Systeme für neurodivergente Menschen nicht lediglich belastend, sondern strukturell gesundheitsgefährdend und damit rechtlich unzumutbar sind. Krankheit erscheint dabei nicht als individuelles Scheitern, sondern als vorhersehbarer Systemeffekt einer normativen Arbeits- und Leistungsarchitektur, die neurodivergente Existenzweisen systematisch verfehlt. Die Analyse basiert auf einem über mehr als dreizehn Jahre gewachsenen longitudinalen auto-ethnografischen und künstlerisch-forschenden Datensatz („Speed’s Work“), der dokumentierte Interaktionen mit mehreren Jobcentern, medizinischen Institutionen, Sozialgerichten und administrativen Instanzen umfasst und verschiedene Reformphasen arbeitszentrierter Sozialsysteme (Hartz IV, Bürgergeld, Übergang zur Grundsicherung) abdeckt. Ziel ist nicht statistische Repräsentativität, sondern die Rekonstruktion strukturinvarianter Wirkmechanismen. Die Auswertung identifiziert sechs zentrale empirische Befunde: (1) eine institutionell invariante Eskalationsstruktur, die unabhängig von individuellem Verhalten reproduziert wird; (2) systematisch erzwungenes Masking als existenzielle Anpassungsleistung; (3) Pathologisierung als sekundäre Systemreaktion auf strukturelle Überforderung; (4) die Unabhängigkeit gesundheitlicher Schädigung von individueller Kooperation oder Verweigerung; (5) die daraus resultierende strukturelle Vorhersehbarkeit gesundheitlicher Schäden; sowie (6) den epistemischen Mehrwert einer autistischen Erkenntnisposition zur Erfassung impliziter normativer Gewaltmechanismen. Auf dieser Grundlage wird ein erweiterter Gewaltbegriff entwickelt, der strukturelle, administrative, klassistische und ontologische Gewalt integriert. Die Befunde werden verfassungsrechtlich (Art. 1 und Art. 2 GG), menschenrechtlich (UN-Behindertenrechtskonvention) und international kontextualisiert. Das Paper argumentiert, dass arbeitszentrierte Sozialsysteme, die neurodivergente Menschen systematisch zu krankmachender Anpassung zwingen, staatliche Schutzpflichten verletzen. Krankheit fungiert hier als Indikator einer systemischen Fehlkonstruktion, die nicht durch Einzelfallkorrekturen, sondern nur durch strukturelle Neugestaltung sozialstaatlicher Absicherung behoben werden kann.
DOI: https://doi.org/10.5281/zenodo.17923214
Keywords: Neurodivergence, Autism, Structural violence, Workfare, Autoethnography, Artistic research, Autistic burnout, Social law Disability rights, UN Convention on the Rights of Persons with Disabilities (CRPD),State duty of care, Human rights, Bürgergeld, Hartz IV, Welfare state, Grundsicherung, Sanctions regime, Autismus
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